Carmen

DER STACHEL IM FLEISCH DER GESELLSCHAFT

Musikdramaturg Lothar Krause im Gespräch mit Regisseur Roman Hovenbitzer

Krause: Bei der Uraufführung der Oper „Carmen“ 1875 in Paris waren die Zuschauerreaktionen ablehnend. Heute jedoch gehört „Carmen“ zu den beliebtesten Opern überhaupt und jeder, ob Opernkenner oder nicht, kennt die Musik. Für viele ist „Carmen“ ein romantisches Bild: Spanien, Sonne, Stierkampf und Leidenschaft, dahinter verbirgt sich jedoch ein hartes Gesellschaftsbild.

 

Hovenbitzer: Es muss bei der Uraufführung eine unglaublich verstörende Oper gewesen sein, die mit einer gewissen Kühle aufgenommen wurde. Das lag zum einen sicherlich an kompositorischen Belangen, thematisch aber eben auch daran, dass hier an den Grundfesten einer bürgerlichen Gesellschaft gerüttelt wurde. Carmen ist doppelt fremd, doppelt Außenseiterin – einmal durch ihre Herkunft als Zigeunerin in Spanien, aber vielmehr noch durch die Tatsache, dass sie eine Frau ist, die ein Lebensprinzip vertritt, was mit dem der bürgerlichen Gesellschaft einfach überhaupt nicht konform geht, dem sogar diametral entgegensteht. Erstmals stand eine Frau auf der Opernbühne, die ganz klar formuliert und auch vorlebt, dass sie sich ihre Sexualpartner selber erwählt und das stellte in einer komplett vom Mann dominierten Gesellschaft alles bisher Dagewesene unmittelbar infrage.

 

Im Laufe der 140jährigen Rezeptionsgeschichte dürfte sich eine Art Postkartenbild liebgewonnener Traditionen über diese Oper gelegt haben. Wir nehmen mit unserer Inszenierung bewusst keine 1:1-Transferierung ins Heute vor, sondern wir wollen das Stück zurückführen auf die Kernfragen: Was für einen Stachel bildet diese Frau im Fleisch der Gesellschaft? Oder was ist von der damaligen Sprengkraft der femme revoltée heute noch ablesbar?

 

Krause: Für die Verbildlichung des Gesellschaftskonfliktes haben Sie und Ihre Ausstatterin Anna Siegrot ein Bühnenbild entworfen, das nicht in realistischer Weise Zigarettenfabrik, Gebirge und Stierkampfarena zeigt.

 

Hovenbitzer: Uns beiden war sehr früh klar, dass wir das Stück eher als Gleichnis verstehen wollen.

Wir haben, ausgehend vom vierten Akt, das Bild der Arena – des Kampfplatzes, Kontakthofes, Dorfplatzes – in den Mittelpunkt gerückt. Vor allem ein bürgerlicher Ort, aber auch ein Ort der Auseinandersetzung, oftmals auch der brutalen Konfrontation. Im Zentrum befindet sich ein bürgerliches Möbel, der große Schrein, aus dem verschiedene Bilder geboren werden können. Damit versuchen wir, eine ganzheitliche Atmosphäre zu schaffen, die durchaus auch wegführen soll von den oftmals klischierten Bildern, die wir alle im Kopf haben - hin zu einem möglichst intensiven Kammerspiel der Leidenschaften.

 

Krause: Bizet und seine Librettisten haben die drei Frauenbilder des 19. Jahrhunderts – Hure, Mutter und Heilige – geschickt miteinanderverwoben: Aus der Sicht Don Josés ist Carmen der Dämon, die Hure und die Sünde; Micaëla wird dagegen zur Heiligen stilisiert. Der Mutter Don Josés kommt auf den ersten Blick eine sekundäre Bedeutung zu. In Ihrem Konzept werten Sie diese jedoch bedeutend auf. 

 

Hovenbitzer: Eigentlich tritt die Mutter in Bizets Werk nicht auf. Als ihren verlängerten Arm bzw. ihr Sprachrohr hat sie Micaëla, die sie in die Welt schickt und José besuchen und ihm Botschaften zustellen lässt. Ich glaube jedoch, dass die reale Figur der Mutter vieles erklären kann.

Don José hat eine unglaublich enge Mutterbeziehung, was daraus zu resultieren scheint, dass der Vater relativ früh verstorben sein muss. Die Mutter, eine arme Frau, dennoch aus guter Familie, scheint sich das Studium des Sohnes – er sollte Priester werden - vom Munde abgespart zu haben. Der erste Lebenstraum der Mutter in Hinblick auf den Sohn ist gescheitert: José war wegen einer körperlichen Auseinandersetzung vom Theologischen Seminar verbannt worden und wurde daraufhin Soldat. Für sein weiteres Leben hat die Mutter einen klaren Plan: Die Adoptivtochter Micaëla soll die Frau ihres Sohnes werden. Ich glaube, nachdem der erste Lebensentwurf gescheitert ist, ist es für José wahnsinnig schwer, dem zweiten von der Mutter vorgegeben Weg auszuweichen. Sie bestimmt seine Zukunft, sie hat die Pfade seines zukünftigen Lebens trittfest vorgeebnet, welche José einfach nur beschreiten muss. Und dessen verweigert er sich nach der Begegnung mit Carmen.

Der Auftritt der Mutter ist für mich das Sinnbild von Vergangenheit, Familie und vor allem Familie als Keimzelle von einer absolut geordneten bürgerlichen Gesellschaft.

 

Krause: Ist Carmen dann der entsprechende Gegenentwurf?

 

Hovenbitzer: Der libertäre Impetus Carmens steht natürlich konträr zu diesem traditionellen bürgerlichen Lebensmodell. Wir alle kennen die Versuchung durch das Fremde und Andersartige, verspüren oftmals die Sehnsucht auszubrechen aus den sattsam bekannten Umlaufbahnen unserer konventionellen Wertesysteme.

 

Krause: Und Micaëla?

 

Hovenbitzer: Micaëla ist in der Oper ein schwieriger Charakter. Ihre Musik ist der schwülen, leidenschaftlichen, vom Impuls des Eros dominierten Musik der Carmen entgegengesetzt. Sie ist eine reinere, auf den ersten Blick vielleicht auch eindimensionalere Figur. Spannend ist meines Erachtens allerdings, dass Micaëla durchaus auch für ihr Lebensziel kämpft – sie kämpft um José, kämpft für ihre Liebe, kämpft für ihre Zukunft! Mit dem Lebenstraum der Mutter Josés droht auch ihr eigener in den Orkus zu fahren – daher ist ihre Arie im dritten Akt nicht einfach nur ein Gebet, sondern ein verzweifelter Hilfeschrei in einer für sie dunklen und beängstigenden Umwelt.

 

Krause: Im Spannungsfeld der beiden Frauen steht Don José.

 

Hovenbitzer: Bei ihm kommt etwas ganz Wichtiges hinzu: Das ist dieses Aufgehobensein in der Soldatenwelt, die eine rein männliche ist und den Kampf bis zum Tod als Daseinsbasis hat.

José scheint eine andere Seite zu haben: Vom Priesteranwärter zum Soldaten ist ein immenser Schritt. In der Soldatenwelt ist er ein Außenseiter – überall wo er ankommt, ist er erstmal ein Außenseiter. Natürlich verlangt so ein soldatischer Männerbund einen gewissen Machismo.

Das Problem in der Beziehung zu Carmen ist, dass José einen Besitzanspruch bei ihr anmeldet, der jedoch zur damaligen Zeit ein völlig normaler war. Der Mann hat die Frau letzlich als Besitz gesehen. Carmen verweigert sich dieser Inbesitznahme. José versucht, sie vom Subjekt zum Objekt seiner Begierde zu machen. Fast zwangsläufig kommt es dann zu dem fatalen Handlungsreflex: Was ich nicht besitze, darf auch kein anderer besitzen. Wenn ich die Frau nicht besitzen kann, muss ich sie töten!

 

Krause: Zwei Außenseiter treffen aufeinander und finden sich. Aber wieviel hat das, was zwischen Carmen und José passiert, mit Liebe zu tun?

 

Hovenbitzer: Das ist schon eine große Liebe. Ich glaube jedoch, dass die Gegensätzlichkeit beider Figuren zu groß ist, um gemeinschaftliches Leben und Lieben dauerhaft zu ermöglichen. Letztendlich verlangt Carmen José auch das komplette Durchtrennen sämtlicher „Nabelschnüre“ an seine Vergangenheit ab…

Carmen sucht sich in José jemanden aus, der nicht dem Bild der sie umwerbenden Männerwelt entspricht; sie sucht sich just den aus, der vermeintlich an ihr desinteressiert ist. Das Spannende an dem Werk ist die Alltäglichkeit, dass eine nahezu zufällige Begegnung einen Menschen vollkommen aus der Bahn werfen kann und dass die Handlung fast schicksalhaft – wie in einem antiken Drama – auf den finalen Mord an der geliebten wie verstörenden Frau zuläuft.

CARMEN-Regisseur Hovenbitzer

CARMEN-Regisseur Hovenbitzer


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