Restauration

 

 

Bond zeigt Haltung

Regisseur Reinhardt Friese und Ausstatterin Annette Mahlendorf im Gespräch

 

Schindler: Als Sie sagten, Sie würden gerne „Restauration“ von Bond inszenieren, hatte ich davon noch nie gehört.

Friese: Kein Wunder, das Stück wurde 1987 am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden gespielt und dann in Deutschland nie wieder. Wir bieten unserem Publikum etwas, das es in München, Berlin und Hamburg nicht zu sehen gibt.

Schindler: Sehr verwunderlich, denn das Stück ist witzig mit großen Unterhaltungswerten.

 

Friese: Ja, es beginnt wie eine Salonkomödie von Oscar Wilde. Die Hauptfigur Lord Are ist ja eine Person, die aus dem Dandytum stammen könnte. Sehr witzig und exaltiert. Später kippt das Stück dann in Richtung Sozialdrama.

 

Schindler: Das Stück spielt im 18. Jahrhundert und wirkt trotzdem aktuell.

 

Friese: Der Titel hat eine zweifache Bedeutung. Erstens die Epoche, in der das Stück spielt. Zweitens ein Prinzip, das Bond, so vermute ich, immer wiederkehrend am Werk sieht: nämlich die Restaurierung von alten Gesellschaftsverhältnissen, die durch ein zementiertes Oben und Unten gekennzeichnet sind. Man darf nicht vergessen, Bond schrieb das Stück vor dem Hintergrund der Thatcher-Ära in Großbritannien. Alles, was wir heute Raubtier-Kapitalismus nennen, hat da seinen Ursprung. Da hörte man zum ersten Mal die Stichworte De-Regulierung, De-Industrialisierung, Finanzkapitalismus. Damals ging die soziale Schere richtig auseinander, plötzlich gab es Eliten, die profitierten, und dem kleinen Mann ging es deutlich schlechter. Das meint der Sozialist Bond, wenn er von Restaurierung und Ausbeutung spricht.

 

Schindler: Gilt das noch heute?

 

Friese: Das ist nach dreißig Jahren als Bestandsaufnahme für unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung gültiger denn je. Schauen Sie sich die Banken an! Manager, die die Dinger in der Finanzkrise an die Wand gefahren haben, die mit Steuergeld gerettet werden mussten, streichen wieder dicke Boni ein. Ein nicht ganz neues Stück, das in einer längst vergangenen Zeit spielt, ist aktuell. Ich nenne das eine Art „Time Tunnel“. Bond greift eine alte Epoche auf und macht dabei auf Mechanismen aufmerksam, die sich wiederholen. Und er gewinnt dem Ganzen auch noch großen Unterhaltungswert ab. Nur in den Songs lässt Bond das Spiel mit der Vergangenheit fallen und präzisiert für das Heute. Das riecht natürlich nach Brecht und seiner „Dreigroschenoper“.

 

Schindler: Auch Brecht arbeitet mit der Historisierung. Die „Mutter Courage“ spielt zwar im Dreißigjährigen Krieg, aber meint natürlich den Zweiten Weltkrieg oder den Krieg überhaupt.

 

Friese: Man sieht im historischen Abstand das Prinzip. Wenn man dieses Stück von Bond nimmt, dann sieht man sehr deutlich, was mit unserer zeitgenössischen Dramatik los ist. Kaum ein Autor würde das heute so schreiben. Heute sind diese Textmonolithen à la Jelinek hip. Eine politische Haltung hat heute kaum ein Autor. Heute steht oft das Private im Mittelpunkt, Paare im gepflegten Streit, die Mühen der Paarfindung ...

 

Schindler: Wir vom Prenzlauer Berg ...

 

Friese: Aber dass ein Autor sich hinstellt und eine Beschreibung der Gesellschaft, in der wir leben, mit ihren ungeschminkten dunklen Seiten liefert, würde ich mir öfter wünschen. Bond will wachrütteln. Der hat die feste Absicht, meine ich, dass der Zuschauer mit einer gewissen Empörung aus dem Theater kommt. Das finde ich stark. Da muss sich jeder fragen, wie ist es mit meiner sozialen Verantwortung? Oder, ein anderer Aspekt, wie kommt ein arbeitsloser Stahlarbeiter in Detroit auf die Idee, dass ein Milliardär was für ihn tun könnte? Der Bob des Stücks hofft immer auf die Gutherzigkeit von Lord Are, seines Herrn, was ihn dann an den Galgen bringt. Es geht auch nicht nur um soziale Abgrenzung, es geht auch um Rassismus. Ich glaube, Bond mag keine seiner Figuren sonderlich, bis auf Rose, die Schwarze, die Frau, die aus Afrika verschleppt, versklavt, nach London gekommen ist. Also so weit außerhalb dieser Gesellschaft steht, wie es nur irgend möglich ist. Das ist die Einzige, die moralisch sauber aus dem Stück herauskommt. Alle Figuren wollen in der Gesellschaft aufsteigen und sind deshalb korrumpierbar, Rose als schwarze Frau ist das unmöglich.

 

Schindler: Bond ist ja als alter Linker verschrien, aber er zeigt mit Bob und Frank, dass die Ausgebeuteten keineswegs mit großer Solidarität ausgestattet sind.

 

Friese: Da ist keine Proletarier-Romantik. Ein anderer dramaturgischer Kniff ist: Lord Are ist eigentlich ein Sympathieträger, witzig, geistreich, eloquent, andererseits benimmt er sich wie ein Schwein. Nun muss sich der Zuschauer entscheiden. Bond sagt, Unterdrückung und Angst gehören dazu, um die gesellschaftliche Ordnung zu erhalten, wie sie ist. Dagegen könnte man nur in einer gemeinsamen Erhebung ankommen. Solange die nicht stattfindet, und das sieht Bond ziemlich desillusioniert, kann man das vergessen.

 

Mahlendorf: Das ist ein Konglomerat aus keine Bildung und Angst. Bob wird ja auch nur gehängt, weil seine Mutter nicht lesen kann. Sie erkennt nicht die Bedeutung des Begnadigungsschreibens und verbrennt es. Und Angst beschreibt den Umstand, dass Bob und seine Mutter Angst davor haben, das bisschen Sicherheit, das sie sich erarbeitet haben, auch noch zu verlieren. Es ist eine Mischung aus Ungebildetheit und Überlebensangst.

 

Schindler: Wie hellsichtig Bond ist! Wer hat Trump gewählt? Die Soziologen sagen, die untere weiße Mittelschicht, deren Jobs weg sind ...

 

Friese: ... oder die Angst hat, sie zu verlieren.

 

Schindler: Sie benutzten den Begriff desillusioniert. Die einzige positive Figur ist Rose, die schwarze Frau.

 

Mahlendorf: Sie hat ja nichts zu verlieren. Als Sklavin, als schwarze Frau steht sie ganz außen.

 

Friese: Naja, nach dem Tod ihrer Herrin wird sie von deren Mann, Lord Are, nicht mehr gewollt. Sie ist damit fast frei. Ich halte das für eine böse, freche Sottise von Bond. Der einzige Weg frei zu sein, ist der, dass die Herrin verstirbt.

 

Schindler: Das Stück spielt auf einem englischen Schloss des 18. Jahrhunderts.

 

Mahlendorf: Wir haben uns zu einem Kunstraum entschieden. Es gibt einen schwarzen, glitzernden Rundhorizont, der Boden ist wie schwarz glänzender Lack, und wir haben einen goldenen Glitzervorhang, der die Bühne wie die berühmte Brecht-Gardine abschließt. Es ist ein künstlicher Show-Room, in dem die für die einzelnen Bilder notwendigen total realistischen Versatzteile stehen. Es gibt zwei Welten: Die Welt des Adels, bunt und schrill, und die graue Welt der Armen. Bei den Kostümen bewegen wir uns in der Stilepoche des Barock, in der man wunderbar das Verspielte und Extrovertierte abbilden kann.

 

Friese: Die Kostüme spielen eine wesentliche inhaltliche Rolle: Lord Are ist ein Mode-Freak, er möchte lieber mit einem Hut oder einem Cape in die Geschichte eingehen als mit einem bedeutenden Sohn.

 

Mahlendorf: Seine Gattin ist ebenso äußerlich veranlagt. Die beiden haben bei jedem Auftritt ein anderes Kostüm. Das ist eine große Aufgabe, da zeigt die Kostümabteilung was sie kann.

 

Schindler: Lassen Sie uns noch auf die Musik zu sprechen kommen.

 

Friese: Ein, schon von der Anzahl der Songs, ganz wichtiger Teil der Aufführung. Bond aktualisiert in den Songs das, was man gerade im historischen Gewand gesehen hat. Man denkt, wenn man Brecht sagt, natürlich an die "Dreigroschenoper", aber hier geht es eher in die Richtung von Hanns Eisler, des anderen großen Brecht-Komponisten. Also, die Musik ist das Vehikel, um die Texte zu transportieren. Das ist oft schroff und agitatorisch. Willi Haselbek hat für die Musik von Nick Bicât neue Arrangements geschrieben, damit die Musik den nötigen Druck entwickelt. Es klingt ein bisschen wie die Tiger Lillies oder Tom Waits.

 

Schindler: Das Stück hat einen großen Unterhaltungsfaktor, deshalb zum Schluss die Frage: Haben Sie eine Erklärung, warum wir erst das zweite Theater in Deutschland sind, das eine Aufführung wagt.

 

Friese: Naja, Sie brauchen zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler, davon eine mit dunkler Hautfarbe, man braucht eine Band, neun verschiedene Bühnenorte ... Kurz, der Aufwand ist schon groß, Sie müssen das schon wollen. Es kommt etwas anderes hinzu: Diese klare linke, politische Haltung "Wir da unten, die da oben" halten viele Intellektuelle für naiv. Das galt in den satten 1990er Jahren und anfangs dieses Jahrhunderts als kalter Kaffee. Autoren, die sich an sozialen Fragen abarbeiten, hatten es schwer. Und so hat man das Stück vergessen. Aber ich glaube, auch wenn es eine einfache Wahrheit ist, wird sie dadurch nicht falsch. Außerdem, unsere Gesellschaft ändert sich. Früher sagte man: „Das ist halt so in der Globalisierung.“ Heute sagen viele: „Moment mal, das akzeptiere ich so nicht mehr.“ Plötzlich steht die Verantwortung von Eliten, des Establishment für die Gesellschaft im Mittelpunkt der politischen Debatte. Wir am Theater liefern sicher nicht die Ansagen, was zu tun ist, aber wir können eine Haltung zeigen. Das ist nicht wenig.


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