Rasputin

Den „König“ Rasputin spielen die anderen

Musikdramaturg Lothar Krause im Gespräch mit dem Autor Paul Graham Brown und dem Regisseur Roland Hüve

Krause: Herr Brown, wie kamen Sie auf die Idee, aus dem Leben Rasputins ein Musical zu machen?

Brown: Vor etwas mehr als zwei Jahren hat mich Reinhardt Friese, Intendant des Hofer Theaters, mit dem Wunsch kontaktiert, ein Stück über die Februar- bzw. Oktoberrevolution 1917 zu machen. Für mich war damals sofort klar, dass ich das Leben Grigori Rasputins auf die Bühne bringen möchte. Seine Geschichte hat alles, was spannendes Theater braucht: Macht, Betrug, Lügen, Manipulation, Intrigen, Liebe und Sexualität sind tief in seiner Biografie verwurzelt. Rasputin selbst war kein direkter Protagonist der Russischen Revolution, aber seine einflussreiche Zeit am Zarenhof erschien mir als ein Symptom, das schließlich zum Untergang des zaristischen Russlands geführt hat. Sofort waren die Theaterleitung und ich einig: Wir wollen Rasputins Geschichte innerhalb des Rahmens eines Landes und eines politischen Systems am Rand des Zusammenbruchs erzählen.

Krause: Was fasziniert Sie als Regisseur am Musical „Rasputin“?

Hüve: Wir machen Theater. Das heißt, wir wollen nicht langweilen. Und das tun wir in dem Moment nicht, wenn der Stoff eine Höhe bzw. Dramatik hat; wenn es um Leben, Liebe und Tod geht. Und all das steckt in der Rasputin-Figur, dazu kommt der besondere Faktor der historischen, dokumentarischen Wahrheit. Und Wahrheit ist das Schlüsselwort in dieser Produktion. Es gibt keine legendenumwobenere Gestalt rund um den Fall der Romanow-Dynastie, den Untergang des russischen Zarenreiches, den ersten Weltkrieg und den russischen Revolutionen als Rasputin. Und deshalb war es wahnsinnig interessant, von den einzelnen Aspekten dieser Figur die Verbindungslinien zu suchen: Was ist Wahrheit? Was ist Mythos? Wieviel Mythos bringen wir auf die Bühne? Wieviel Kampf um Leben und Tod ist dokumentarisch, wieviel ist unsere theatrale Zutat? Wieviel von diesem Mythos relativieren wir?

Paul Graham Brown hat eine Fassung dieser Figur auf die Bühne gebracht, die mit einigen Mythen dieser Figur gründlich aufräumt. Das heißt, er hat diese strahlende, mythoshafte Gestalt ziemlich irdisch auf den Bühnenboden geholt. Es gibt Kneipenszenen, es gibt derbe Szenen, es gibt Humor. Etwas, was mit dieser Figur vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick in Verbindung gebracht wird.

Eine Version der Gestalt Rasputins auf die Bühne zu bringen, die dem Zuschauer noch Raum für eigenes Denken lässt, für Spekulationen und das Abgleichen des eigenen Vorwissens über die Figur mit dem, was wir ihm als weiteres Wissen anbieten, ermöglicht - das sollte dann das Endprodukt sein.

Krause: Die Figur Rasputin trägt unglaublich viele Widersprüche in sich und stellt uns bis heute vor große Rätsel und Fragen. Eine: Wie kann ein sibirischer Bauer plötzlich in die höchsten Gesellschaften vordringen und schließlich einen so großen Einfluss auf den mächtigen Herrscher einer Großmacht erlangen?

Hüve: Helfen wir uns bei der Beantwortung dieser Frage mit einem alten Theatergesetz: Den König spielen die anderen. Ich glaube, dass das tatsächlich nahe an der historischen Wahrheit ist, wenn ich sage: Tatsächlich war Rasputin eine schäbige, unbedeutende Gestalt - wie es viele gegeben hat in der Zeit. Aber vermutlich hatte er ein kleines Plus an Charisma, an Ausstrahlung, an Bedeutung, an Intelligenz, an Bauernschläue und vielleicht auch an Spiritualität. Und dieses kleine Plus hat ausgereicht, um sozusagen in die Vakanz zu schlüpfen, die es damals offenbar gab. Das Zarenhaus, besonders die Zarin, verlangte nach jemandem, der eine Erlösergestalt ist, denn sie waren in einer extremen Notsituation. Der Sohn war krank und der einzige Thronfolger. Also hat man eine Figur gesucht und sie zum Erlöser stilisiert. Das ist ein bisschen so ein Phänomen wie man es heute auch in politischen Bewegungen entdeckt: Besondere politische Gestalten, die nach oben geschwemmt werden, die am Kopf einer großen Bewegung stehen. Sie füllen eine Leerstelle, die vorher schon da war; jedoch sind sie nicht nur deswegen auf dieser Position, weil sie so toll sind, sondern weil die Welt jemanden braucht, der toll ist.

Krause: Sie sind eigentlich mehr zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hüve: Das Werk zeigt nicht nur einen Helden, sondern es beschäftigt sich intensiv auch mit der Entourage. Und es zeigt eben dieses Umfeld als eines, das in Not ist und dringend einen Erlöser braucht. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Figuren wie Kislukhin, Oswald oder das Jussopow-Paar, die genau diese Figur gerade nicht brauchen können. Und in der Vehemenz, in der sie versuchen, diese Figur zu bekämpfen, machen sie die Gestalt Rasputin natürlich auch wieder wichtig. Das heißt unterm Strich: Den „König“ Rasputin spielen die anderen.

Krause: Das Umfeld Rasputins zeigt sich auch musikalisch. Herr Brown, wie haben Sie das Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts musikalisch gezeichnet?

Brown: Als ich mit der Arbeit an „Rasputin“ begann, war mir schnell klar, dass wir eine Welt zeigen, in der neue und alte Ideen aufeinanderstoßen. Politisch meine ich. Interessanterweise gab es im Mittelpunkt des Zeitrahmens unserer Geschichte auch eine „musikalische Revolution“: 1913, die skandalöse Uraufführung von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ (2015/16 am Theater Hof).

Ich wollte eine moderne, unterhaltsame und farbenprächtige Musicalpartitur komponieren, aber keine Oper. Die Musik ist mit unterschiedlichsten russischen Klängen gefärbt. In die Handlung ist sogar ein typisch russisches Instrument - die Balalaika - integriert.

Der Zarenhof unserer Geschichte befindet sich in einer Art von spirituellem und politischem Stillstand. Die Ballszenen im Winterpalast blicken zurück auf eine überkommene, jedoch vertraute Zeit – als ob die Turbulenzen des frühen 20. Jahrhunderts immer noch weit entfernt von St. Petersburg seien. Unterschwellig hören wir in der Partitur eine musikalische Reise, diese fängt mit Tschaikowsky an und kulminiert in den 16 Schlusstakten, die eine Vorahnung auf Schostakowitsch und die Sowjetunion darstellen… Wir bewegen uns von Harmonie hin zur Dissonanzen.

Darüber hinaus habe ich mich viel mit dem fast schlagerartigen Chor der Roten Armee, russischen Volksliedern und der berührenden Kirchenmusik Rachmaninows auseinandergesetzt.

Krause: Das Musical „Rasputin“ ist also ein großer Bilderbogen der Zeit der drei russischen Revolutionen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Tod der Zarenfamilie. Wie gehen Sie und die Ausstatterin Annette Mahlendorf mit dieser Bilderfülle um?

Hüve: Sie haben das Stichwort schon geliefert: Bilderbogen! Paul Graham Brown hat die Geschichte auf eine filmische Weise gedacht. Die Grundidee, das auf eine Theaterbühne zu transportieren, ist tatsächlich ein Bilderbogen. Wir versuchen, die Spielhandlung in ein Bühnenbild einzubetten, das uns neben der nötigen Ausstattung, Bilder der Zeit liefert. Unser Bühnenbild ist eigentlich ein Fotoalbum. Und in diesem Fotoalbum blättern wir Szene für Szene eine Seite um und liefern dem Zuschauer zusätzlich zur Spielhandlung und zur Musik kleine dokumentarische Einblicke in die Zeit.

Krause: Und die Kostüme?

Hüve: Die Kostüme sind - und das ist ein Fest für uns Theaterleute - historisch. Wir bleiben mit den Kostümen sehr in der Zeit. Es gibt da nicht den Versuch, über das Kostüm eine Form von Kommentar oder Modernisierung zu erzählen, sondern die Kostüme werden durchweg in der Zeit 1900-1917 gehalten.

 

Ein Interview mit beiden während der Workshops im Herbst 2016 finden Sie HIER.


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