Dantons Tod

DAS GESAGTE UND DAS GEDACHTE WERDEN SIE UMBRINGEN

Regisseur Malte C. Lachmann im Gespräch

 

Krause: Büchners Drama „Dantons Tod“ entstand fast 40 Jahre nach der Französischen Revolution vor dem Demokratie- und Freiheitsgedanken. Oft wird das Werk auch als „Revolutionsdrama“ bezeichnet. Was ist es aus Ihrer Sicht?

Lachmann: Das Werk an sich ist tatsächlich ein Revolutionsdrama - in dem Sinne, dass es dokumentarisch ist. Es gibt viele Passagen, die Büchner aus historischen Reden der Zeit der Französischen Revolution übernommen und in dieses Stück eingebaut hat.

Für uns Heute finde ich den Aspekt „Revolution“ nicht dahingehend interessant, dass ich behaupten würde, wir brauchen jetzt eine Revolution im Sinne von einem gewaltsamen Umsturz der politischen oder gesellschaftlichen Verhältnisse. Unsere Gesellschaft hat andere Mechanismen, um mit Missständen umzugehen - gesellschaftlicher und politischer Natur. Die Französische Revolution, von der Büchner schreibt, hat vielmehr etwas überzeitlich Interessantes - sie zeigt Konflikte, wie wir sie auch heute kennen, in einer dramatischen Überspitzung. Und das, finde ich, gilt es zu beleuchten: Es gilt, die Revolution nicht als einen Inhalt aus dem Geschichtsunterricht herzunehmen, sondern vielmehr anhand der unterschiedlichen Parteien - die Dantonisten, die Männer um Robespierre und natürlich das Volk in der Mitte - die gesellschaftspolitische Lage heute zu hinterfragen.

Krause: Sie beleuchten das Werk, das 170 Jahre alt ist, aus dem Heute. Dazu haben Sie im Sommer 2017 mit circa 50 Hofer Bürgern Interviews zu den Kernfragen dieses Klassikers geführt: „Wie weit darf ich für meine Ideale gehen? Wie weit muss ich für meine Ideale gehen?“ Inwiefern hatte dies Auswirkung auf Ihre Inszenierung?

Lachmann: Wenn man sich fragt „Was hat das tatsächlich mit uns zu tun?“ und „Wo sind da Parallelen zu unserer heutigen Situation?“ und sich mit Experten des Alltags unterhält, dann werden die Kernpunkte des Stückes erst wirklich konkret. Das Volk spielt in „Dantons Tod“ eine entscheidende Rolle und da lag es nahe, einen möglichst vielfältigen Durchschnitt von Hoferinnen und Hofern abzugreifen und zu befragen. Mit dieser Masse an Interviews umzugehen, diese zu transkribieren und sie dann wieder so einzubauen, dass sie in den Stückkontext passen – das war eine ganz andere Art von Einarbeitung der Darstellerinnen und Darsteller in das Werk.

Ich erhoffe mir davon, dass das Ganze einen rhythmischen Unterschied in dem macht, was wir auf die Bühne bringen. Der Zuschauer soll der Geschichte folgen und sich mit den Figuren identifizieren können; die Konzentration darauf, worum es übergeordnet geht, wird zusätzlich durch die Interviews geschärft. Wir sehen, was Leute grundsätzlich zu den Themen des Stückes gesagt haben. Dabei geht es nicht darum zu fragen, worum es in der Szene geht oder diese nochmal zu erklären, sondern darum, zu fragen: Was bedeuten die konkreten Fragen für uns und wie würden wir diese für uns beantworten?

Krause: In der Erstausgabe „Dantons Tod“ (1835) wurde der Untertitel „Dramatische Schreckensbilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“ hinzugefügt. Büchner entwirft mit dem Werk in der Tat einen riesigen Bilderbogen mit einer enormen Figurenfülle.

Sie haben eine eigene Fassung erarbeitet – das Werk theaterpraktisch eingestrichen, Figuren fokussiert und die Interviews ergänzt. Wie sind Sie mit den großen Bildern umgegangen?

Lachmann: Beim Lesen des Originaltextes hat mich erstmal die Fülle der Figuren erschlagen. Mit meiner Ausstatterin Ursula Gaisböck habe ich dann überlegt, dass wir damit wie folgt umgehen: Es gibt Figuren, bei denen wir eine Identifizierung für das Publikum schaffen wollen und deshalb haben wir den zehn Darstellerinnen und Darstellern jeweils eine Hauptrolle zugeordnet, die auch mit Kostümen kenntlich gemacht wird und die man so den Theaterabend über verfolgen kann. Alle anderen Figuren werden dann zu einem Teil des Volks, das durch Masken gekennzeichnet wird und damit anonym bleibt. Diese Anonymität finde ich übergeordnet wichtig: Es geht eben nicht nur um Danton, die Frauen und Männer um ihn herum, Robespierre und dessen Umwelt; es gibt eine dritte Instanz und das ist das Volk - der dritte Hauptdarsteller.

Die besondere Qualität dieses Stückes sind die Monologe. Jedem, der das Werk gelesen hat, wird sofort einfallen: „Das ist das Stück, wo Monologe gehalten und große Reden geschwungen werden!“. Diese Monologe vorkommen zu lassen, finde ich elementar wichtig. Sie lassen sich nicht komplett streichen und entfalten viel mehr Kraft, wenn man sich auf sie - eingekürzt - konzentrieren kann; und man eine Volksmasse hat, die darauf reagiert.

Krause: Es ist auffällig, dass die Hauptfiguren in Büchners dramatischen Werken („Woyzeck“, „Leonce und Lena“ und eben auch „Dantons Tod“) von einer Lebensmüdigkeit gezeichnet sind. Was bedeutet dieses Motiv?

Lachmann: An dem Punkt, an dem wir Danton kennenlernen, ist er vom Fortgang der Revolution enttäuscht und müde: Die Art und Weise, wie er und seine Leute für ihre Ideale gekämpft haben, führt nicht dazu, dass irgendwann ein besserer Alltag für alle entsteht oder irgendetwas vorangebracht wird. Im Gegenteil: Das Morden geht weiter und niemandem geht es besser. Deshalb stellt sich für Danton die Frage, warum überhaupt so weiter machen, wenn sich nichts verbessert, sich alles nur verschlechtert und alle eigentlich nur den Idealen hinterherrennen, von denen sich aber nur ein Bruchteil im Alltag umsetzen lässt. Das ist die Ausgangssituation für Danton; wobei er seine Müdigkeit den anderen gegenüber immer verneint und sagt, er sei nicht träge. Ich glaube, das liegt daran, dass er sich auch nur schwer eingestehen kann, dass dieser Kampf, den er geführt hat, ins Nichts geführt hat. Immer wieder bäumt er sich trotzdem auf und versucht, trotzdem irgendetwas zu erreichen - und sei es nochmal seinen Widersacher Robespierre davon zu überzeugen, dass man jetzt aufhören muss zu morden. Oder später in den Verhandlungen zu versuchen, das Volk doch nochmal auf seine Seite zu reißen und so agitatorisch tätig zu sein, dass er und seine Kumpanen aus dem Gefängnis rauskommen.

Krause: Und Robespierre?

Lachmann: Danton wird in historischen Dokumenten immer als ein Koloss beschrieben, als jemand der rumschreit, extrem impulsiv ist. Robespierre, sowohl der historische als auch die Bühnenfigur, ist hingegen jemand, der aus dem Denken und der Ruhe kommt. Natürlich ist er in der gleichen Situation - er hat lange gekämpft und sieht keine wirkliche Verbesserung der Situation. Allerdings zieht er andere Schlüsse daraus. Er sagt: Wir müssen weiter machen, die Revolution ist noch nicht beendet und wenn wir die Revolution abbrechen, dann haben wir nicht nur verloren, sondern dann haben wir auch das Vaterland und alle unsere Ideale verraten und alles nur noch schlimmer gemacht. Wenn wir jetzt noch ein bisschen weiter durchhalten… Da ist Robespierre auch so unglaublich hart gegen sich selbst und gegen seine eigenen Impulse… Wenn wir noch ein bisschen durchhalten, sind wir alle frei und haben unsere Ideale durchgesetzt.

Krause: Sie sagten eingangs, dass Sie das Werk aus dem Heute beleuchten. Was heißt das für die Ausstattung?

Lachmann: Ich finde, das Theater hat immer einen Auftrag, der ins Heute hinein geht, der also nicht bedeutet, dass ich die Vergangenheit bedienen und rechtfertigen muss, sondern der immer eine Auseinandersetzung mit dem Jetzt bedeutet.

Unsere Darstellerinnen und Darsteller haben heutige Grundkostüme an - wie man sie einfach auf der Straße finden würde. Sie sind dadurch vereinheitlicht, dass sie hautfarben sind. Unsere Überlegung war, dass das Volk eine Menschenmasse ist, also die Anlehnung an das Menschliche. Uns ging es darum, eher das Menschliche des Volkes in den Vordergrund zu rücken. Und dann gibt es Kostüme, die die einzelnen Hauptfiguren kennzeichnen. Das sind zwar historische Schnitte, die sich jedoch ästhetisch an das Bühnenbild anlehnen.

Das Bühnenbild ist eine Sammlung an Aussagen. Eine Sammlung Schwarz auf Weiß von dem, was die einzelnen Figuren sagen - und von diesen Aussagen werden sie am Ende guillotiniert. Das ist die Idee des Raumes: Das Gesagte und das Gedachte ist das, was die Figuren nachher umbringt. Und dieser Gedanke findet sich auch in der Farbgebung und Aufmachung Kostüme der Hauptfiguren wieder.

Regisseur Malte C. Lachmann

Regisseur Malte C. Lachmann


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