"Othello": Klassiker am Puls der Zeit

Einem ungewöhnlichen Konzept mit einem komplett neuen, gesellschaftspolitisch brandaktuellen Interpretations-Ansatz folgt Intendant Reinhardt Friese in seiner Inszenierung von Shakespeares "Othello": In der modernen, zeitgemäßen Neuübersetzung und Übertragung von Miriam Schwan tritt die Titelfigur nicht als männlicher Schwarzer, sondern als homosexuelle Frau auf – gespielt von Antje Hochholdinger, die dem Hofer Publikum als ehemaliges langjähriges Ensemble-Mitglied, Regisseurin und Theaterpreis-Trägerin bestens bekannt ist.

„Wenn man den "Mohr" durch eine homosexuelle Frau ersetzt, rückt einem das Thema plötzlich noch viel enger auf den Leib und wird – schon allein beim Lesen – richtig unangenehm!“, stellt Reinhardt Friese fest. Es geht um das machtpolitische Verhältnis von Frauen und Männern – ein Thema, das zu Recht gesellschaftlich unter den Nägeln brennt.

Dabei unternimmt Friese mit Schwan den Versuch, das, was Shakespeare im 17. Jahrhundert mit extremer Sprengkraft geschrieben hat, als gesellschaftlichen Sprengsatz ins Heute zu übertragen – ohne Versmaß, ohne Poesie. Stattdessen entsteht ein "Gebrauchsstück", dessen Schwerpunkt nicht auf literarischer Selbstbezogenheit, sondern ganz unmittelbar auf den Themen beruht, um die es schon Shakespeare ging: Toleranz und Außenseitertum, Macht, geächtete Liebe, Eifersucht und Intrige.

Das Theater Hof bietet mit seiner Inszenierung einen Kommunikationsanlass an und will dabei bewusst Fragen aufwerfen und zur Diskussion stellen: Was ist heute, auch vor dem Hintergrund der MeToo-Debatte, noch möglich und vertretbar zwischen Mann und Frau? Mit welchen Vorurteilen, Angriffen oder Beleidigungen haben Frauen zu kämpfen, die Machtpositionen in einer nach wie vor männerdominierten Gesellschaft besetzen? Wie fühlt sich eine homosexuelle Person, wenn sie mit Ausgrenzung, fehlendem Respekt vor der ganz persönlichen Würde und schwelenden bis offenen Ressentiments konfrontiert wird?

Jeder, der Theater auch als Spiegel von Zeit und Gesellschaft sieht und etwas über die Welt und sich selbst erfahren möchte, sollte diese spektakuläre Neufassung und Inszenierung, die seit 15. Februar 2020 am Theater Hof zu erleben ist, nicht verpassen.

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