Maske in Blau

Der Rhythmus, bei dem man mit muss

Musikdramaturg Lothar Krause im Gespräch mit dem Regisseur Ivan Alboresi und dem Dirigenten Roland Vieweg

Krause: Mit der Uraufführung der „Maske in Blau“ 1937 erreichte die sogenannte „Berliner Revue“ ihren Höhepunkt am Metropol-Theater. Wie wirkt dieses Kind der 1930er Jahre heute, fast 80 Jahre nach der Uraufführung?

Alboresi: Man tendierte in der „Maske in Blau“ dazu, nicht mehr politisch zu sein, sondern es sollte ein hauptsächlich unterhaltsamer Abend werden. Dennoch kann man im Hintergrund einen Hauch von einem politischen Gedanken sehen, aber nicht vergleichbar mit der „Großherzogin von Gerolstein“ oder der „Csárdásfürstin“. Vielmehr ist die Operette Raymonds eine schöne und unterhaltsame Geschichte, bei welcher man nicht viel nachdenken muss. Daher wirkt die „Maske in Blau“ ungeheuer zeitlos – sie passt in die Zeit der 1930er Jahre ebenso wie ins Heute.

Krause: Einen wesentlichen Anteil an der zeitlosen Wirkung hat die Musik Fred Raymonds.

Vieweg: Die Zeitlosigkeit dieses Werkes liegt hauptsächlich in dem stilistischen Mix, den der Komponist für diese Operette gefunden bzw. gewählt hat – eigentlich schon Übergang von der großen Operettenzeit Richtung Musical und Broadway-Sound. Er hat eine Verbindung geschaffen von klassischen Operettennummern, wie Walzer oder große lyrische Liebesszenen, über Swing hin zum Schlager, für den Raymond vor allem berühmt wurde. In der „Maske in Blau“ gibt es eine verschwenderische Fülle an Schlagern, die viele auch heute noch im Ohr haben – ich denke da beispielsweise an „Schau einer schönen Frau nicht zu tief in die Augen“ oder „Die Juliska aus Budapest“, wo Raymond bewusst die zündende Rhythmik verwendet, um dieser Musik Ohrwurmcharakter zu verleihen.

Krause: In den 1930er war das etwas Neues?

Vieweg: Ja. Daher glaube ich auch, dass der Querverweis zum Broadway durchaus sinnfällig ist. Bis zu dieser Zeit gibt es eigentlich keine Operette, die stilistisch bereits so weit ins Genre Musical übergreift wie die „Maske in Blau“. Raymond arbeitet vermehrt mit Swing-Musik und speziellen Tanzstilistiken, die damit erst wirklich salonfähig gemacht werden. Hinzu kommen Exotismen, um die fernen Länder zu charakterisieren, jedoch im Unterschied zum „Land des Lächelns“ ist es bei Raymond nicht die Verwendung von musikalischem Kolorit im romantischen Sinn, sondern die Suche nach zündenden Rhythmen, die den Zuschauer mitreißen. Man sagt so schön: Der Rhythmus, bei dem man mit muss.

Alboresi: Ganz neu in dieser Operette war zudem, dass die Dialoge verstärkt mit Musik unterlegt wurden, im Vergleich zu den früheren Werken – praktisch Underscoring wie in den Musicals. Raymond versuchte, das bisher amerikanische Musical nach Deutschland zu holen. Nachdem 1933 die modernen Operetten der Weimarer Republik verboten wurden und hauptsächlich nur noch die Walzeroperetten des 19. Jahrhunderts gespielt werden durften, suchten die Komponisten nach einem adäquaten und zeitgemäßen Ersatz.

Krause: Neben dem Farbenreichtum der Musik lebt die „Maske in Blau“ von dem besonderen Schaureiz, vor allem durch die Mondänität und Exotik der Handlungsorte.

Alboresi: Neben dem Gedanken, dass aus Sicht der Deutschen sowohl Italien als auch Argentinien fern und als Urlaubsländer reizvoll waren, habe ich versucht, den politischen Hintergrund zu durchleuchten, warum genau diese zwei Länder: Italien hatte außenpolitisch eine enge Bindung mit Deutschland durch die Verbindung Hitler-Mussolini, Argentinien war seit den 1920er Jahren ein bei Deutschen beliebtes Auswanderungsziel. Ebenso werden die Freundschaften der Deutschen über die Charaktere thematisiert – „Seppl“ ist Österreicher, Juliska Ungarin, Armando Italiener, Kilian Deutscher. Ein stückweit könnte man auch behaupten, dass dieses Werk das Publikum ein wenig manipulierte, in dem was man schön zu finden hatte. 2016 haben diese Gedanken jedoch weniger Relevanz als vor 80 Jahren, mir geht es bei dem Werk vielmehr um die Leichtigkeit und Farbigkeit.

Für das Bühnenbild hat Herbert Buckmiller schräge Passepartouts entworfen – das Bild kippt praktisch etwas, so wie damals in Deutschland die gesellschaftliche Situation langsam kippte. In diesen Rahmen sehen wir idyllische Postkartenansichten der Handlungsorte, um eben diesen leicht manipulativen Hintergedanken „Wir zeigen euch, dass Italien und Argentinien so wundervoll sind.“ anzudeuten. In erster Linie allerdings ist es mir wichtig, dass die Operette ihre Leichtigkeit und ihren Unterhaltungswert behält und keine gesellschaftskritische oder politische Interpretation mit erhobenem Zeigefinger ist, daher spielen wir die „Maske in Blau“ auch in ihrer Entstehungszeit – Ende der 1930er bis Anfang der 1940er Jahre.

Krause: Komik und die große Liebe kommen in der „Maske in Blau“ aber auch nicht zu kurz.

Alboresi: Absolut nicht! Das war und ist auch die Hauptaufgabe dieser Operette: Man soll sich hinsetzen und genießen können. Auf der einen Seite ist es eine hinreißende Liebesgeschichte mit Drama und auf der anderen Seite (beim Buffo-Paar und den Komikern) eine Geschichte mit Leichtigkeit und Witz. Allerdings ist es eine ehrliche und echte Geschichte – nicht verstaubt – so wie Raymond auch mit einer frischen, neuen Musikalität arbeitet.

Roland Vieweg und Ivan Alboresi

Roland Vieweg und Ivan Alboresi


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