Annie Get Your Gun

Traumfabrik Broadway

Musikdramaturg Lothar Krause im Gespräch mit dem Regisseur Stephan Brauer und dem musikalischen Leiter Kenneth Duryea

Krause: Immer wieder habe ich in den Vorbereitungen zu „Annie Get Your Gun“ von der historischen Annie Oakley  als Nationalheldin gelesen. Herr Duryea, Sie sind in den USA geboren und aufgewachsen. Welche Aufmerksamkeit kommt der historischen Figur und dem Musical „Annie Get Your Gun“ heute noch in Ihrer Heimat zu?

Duryea: Irving Berlins Werk ist nach wie vor eines der besten und bekanntesten amerikanischen Musicals. Schon in Kindertagen kam ich mit dieser Geschichte in Berührung, meine Familie war sehr musicalaffin. Allerdings muss ich zugeben, dass ich relativ wenig über die historische Annie gewusst habe bis ich mich für diese Produktion intensiver mir ihr befasste. Das liegt aber eher daran, dass ich von der Ostküste komme. Rodeo und Schießwettbewerbe sind im Mittleren Westen und Westen der USA beheimatet, dort ist auch Annie Oakley tatsächlich bis heute sehr populär.

Natürlich ist ihre Lebensgeschichte auch der klassische „American Way Of Life“ – aus ärmlichsten Verhältnissen stammend wurde sie unheimlich berühmt und erfolgreich – „vom Tellerwäscher zum Millionär“.

Krause: Was erzählt uns heute – 2017 - eine Geschichte, die in den 1940er Jahren entstand und die in den 1880ern spielt?

Brauer: Man darf das Musical nicht aus Sicht des 19. Jahrhunderts sehen, sondern muss das 19. Jahrhundert durch die Brille der 1940er sehen. Zum einen geht es um das Verhältnis zwischen Mann und Frau: In „Annie Get Your Gun“ wird gezeigt wie sich eine Frau in einer Männerdomäne einen Platz sichert – aus der Sicht der 40er Jahre natürlich problematisch, denn zu dieser Zeit wies das klassische Rollenbild der Frau den Platz hinter dem Herd zu. Sie sollte ihrem „starken“ Mann den Rücken freihalten, Kinder großziehen und den Haushalt managen.

Wir sehen einen Ansatz von Emanzipation, der jedoch erst durch das Zurückstecken der Frau ermöglicht wird. Am Schluss des Musicals gibt es einen letzten Schießwettbewerb zwischen Annie und Frank – eigentlich sollte es hier ein Unentschieden zwischen Mann und Frau geben. Die Klügere (in diesem Fall die Frau – Annie) gibt nach, stellt damit die Rolle des Mannes im Geschlechterkampf nicht mehr in Frage und kann so seine endgültige Liebe gewinnen.

Und das ist heute in gewissen Kreisen immer noch so: Die Frau steckt zurück, um dem Mann seine „Machtposition“ zu sichern.

Krause: Und der patriotische Gedanke?

Brauer: Für mich funktioniert der amerikanische Patriotismus hier über das Cowboy-und-Indianer-Milieu und die Wild-West-Romantik: Raue, starke Männer. Daneben steht die taffe Frau, die allerdings schlussendlich doch „nur“ wieder Frau ist und auf ihren Platz gewiesen wird.

Aus der heutigen Sicht kommen die Indianer natürlich sehr schlecht weg bzw. hat man versucht, unbequeme Wahrheiten in Bezug auf den Umgang mit den Indianer auszublenden. Im Übrigen sind beim Revival (Broadway, 1999) von „Annie Get Your Gun“ auch Songs, die auf Indianer anspielen, wie „I’m An Indian Too“ (nach der Aufnahme Annies in den Stamm Sitting Bulls), auf Protest der Native Americans gestrichen worden.

Krause: In erster Linie ist „Annie Get Your Gun“  ein großes, farbenprächtiges Musical mit höchstem Unterhaltungswert...

Duryea: Ja!

Brauer: Total! Zum einen ist es diese phantastische Musik, die das klassische Broadwaymusical verkörpert. Daneben ist es die Unterhaltung, die das Stück bietet: Wir befinden uns teilweise in der zirkusähnlichen „Buffalo Bill’s Wild West Show“. Ich habe mich bewusst entschieden, auf den Unterhaltungswert des Stücks zu setzen und es auch so zu inszenieren. Ich finde, man kann das Stück heute vielleicht mit Disney vergleichen: Auf der einen Seite die Liebesgeschichte zwischen Annie und Frank, auf der anderen Seite ganz große Show mit vielen Solisten, Chor, Ballett und ganz viel Tanz – Traumfabrik Broadway eben!

Krause: Einen großen Anteil am Erfolg von „Annie Get Your Gun“ kommt Irving Berlin zu. Neben Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II ist er einer der erfolgreichsten Musicalkomponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Was ist das Besondere seiner Musik?

Duryea: Die Melodien! Berlin war einfach ein Könner auf dem Gebiet eingängiger Melodien und schlagkräftiger Songs. Wenn man sie analysiert, sind sie sehr modern – er benutzt Septimen, manchmal sind die Melodien fünftaktig, obwohl man in einer viertaktigen Duktus ist – damit schafft er großen musikalischen Effekt. Besonders raffiniert an „Annie Get Your Gun“ sind die Harmonien. Auch die Chromatik ist spannend. Gerade bei „There’s No Business Like Show Business“ lässt sich das durch die vielen Reprisen am Abend toll beobachten, wie Berlin in den Harmonien variiert. Dadurch bekommt die Musik eine frische und tiefe Wirkung. Nicht umsonst ist gerade dieser Song zur Hymne des amerikanischen Showgeschäfts geworden.


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