Romeo und Julia

Momente, für die es keine Worte braucht

Choreographin Barbara Buser und Dirigent Daniel Spaw im Gespräch

Krause: Frau Buser, es war ein langgehegter Wunsch von Ihnen, Sergei Prokofjews „Romeo und Julia“ auf die Bühne des Hofer Theaters zu bringen. Wie kam es dazu?

Buser: In erster Linie, weil es eines der wichtigsten und schönsten Handlungsballette ist und noch nie zuvor in Hof zu sehen war. Zum anderen hat mich das Thema der unvergänglichen und bedingungslosen Liebe unglaublich fasziniert. Nachdem ich „Schwanensee“ vor einigen Spielzeiten hier in Hof choreographiert habe, war für mich klar, unbedingt einmal Prokofjews fesselndes Ballett auf die Bühne bringen zu wollen.

Krause: Was ist denn das Faszinierende der Geschichte? Die Tragödie um das Paar der Paare stammt aus dem 16. Jahrhundert, selbst 400 Jahre später hat sie jedoch nicht an Kraft verloren.

Buser: Für mich ist es diese Sprengkraft und Bedingungslosigkeit der Liebe. Das erleben bzw. wünschen wir uns auch heute genauso – Romeo und Julia sind für uns immer noch das Idealbild der Liebenden. Nur endet diese intensive Liebe, die eigentlich nur vier Tage dauert, mit dem dramatischen Tod. Das hat schon eine unglaubliche Spannung! Da leben zwei junge Menschen in überwältigender Liebe zueinander und dürfen den Triumph der Liebe nicht erleben bzw. tritt dieser eigentlich mit dem Tod ein. Und ich glaube auch, dass wir uns alle im tiefsten Innern wünschen, dass unsere Liebe über den Tod hinaus bestehen bleibt. Und dort liegt sicher ein großer Teil der Faszination.

Spaw: Diese Liebesgeschichte stilisiert Romeo und Julia zu Göttern – ganz normale Menschen werden zu Göttern. Dieses Muster gibt es recht häufig in der Kunst. Obwohl es die Geschichte schon vor Shakespeare gab, erschafft er mit seiner Tragödie ein Monument der Liebenden. Was bei ihm noch fehlte, war die Musik. Dieses Werk als Ballett zu erleben, ist so extrem packend und dynamisch. Wir haben Musik dabei, es wird kein Wort geredet und erleben eine Geschichte, die wir alle irgendwie schon kennen, in der es anfangs um ganz normale Menschen geht. Wir haben teil an deren Leben, das auch ein wenig unser Leben ist. Shakespeare malt dafür ein atemberaubendes episches Bild. Ich finde, in der späteren Literatur wurde dieses Werk kaum übertroffen.

Krause: Shakespeare hat fast 30.000 Worte gebraucht, kann man das überhaupt ganz ohne ein einziges Wort erzählen?

Buser: Ja! Durch Tanz kann man vieles ausdrücken, was man mit Worten nicht ausdrücken kann. Hier geht es um Emotionen. Und das ist genau einer der Punkte, für mich, der extrem wichtig ist. Die Tanzschritte sind eine Sache, aber diese unendlich reine Liebe auf dieser Gefühlsebene zu zeigen eine andere. Ich möchte die echten Gefühle sehen und nicht irgendwie etwas Gekünsteltes. Und das ist für mich der Kern von „Romeo und Julia“. Der Tanz und die Bewegung sind nur ein Teil davon. Die Tänzer müssen fühlen! Gerade das Protagonistenpaar. Wenn sie diese Leidenschaft nicht darstellen und die Gefühlseben nicht aufbauen können, beispielsweise im ersten großen Pas de deux, funktioniert nachher der Tod, auf den alle warten, nicht. Sie müssen zu einer emotionalen Einheit verschmelzen. Und ebenso müssen die Gefühle und der Tanz miteinander verschmelzen.

Spaw: Poesie entsteht in vielen Formen. Shakespeare haben seine Worte gereicht, um diese Geschichte in ihrer Vollständigkeit zu erzählen. Aber wie oft sagen wir selbst, dass uns Worte gefehlt haben? Und die Verschmelzung von Tanz und Musik kann vieles ausdrücken, was man nicht immer aus dem Text entnehmen kann. Im Ballett haben wir keinen Text, wir brauchen keinen Text, weil die Geschichte über die Gefühlsebene erzählt wird. Da gibt es die Verschmelzung von Musik, Emotionalität und Schritten, die genauso viel erzählen können - ohne ein einziges Wort.

Krause: Einen bedeutenden Anteil an der emotionalen Wirkung hat Prokofjews Musik. Sie gehört zu den beliebtesten Ballettmusiken überhaupt. Was ist das Besondere daran?

Spaw: Was Prokofjew in diesem Stück gelingt, ist eine spannende Kombination: Auf der einen Seite relativ einfache Musik, auf der anderen mit Emotionen aufgeladene Musik. Es gibt Themen, die eine Straße in einer Stadt beschreiben, wie eine Stadt aufwacht. Ganz einfache Sachen. Er möchte nicht in jedem Punkt eine große Kantilene zeigen, sondern er malt diese einfachen Menschen. Ein weiteres Beispiel: die Volkstänze. Die Musik, die er dann nutzt, um die Figuren und ihre Geschichten zu beschreiben, ist eine komplett andere. Dieser Erfindungsreichtum an Melodien, Texturen, der Umgang mit dem Orchester und einzelnen Instrumenten – darin ist Prokofjew einfach ein Meister! Er entwickelt Klänge mit Instrumenten, die wir alle kennen, die uns trotzdem völlig neu vorkommen. Seine Komposition ist bis heute frisch und modern.

Krause: Wie setzen Sie diese Geschichte mit Ihrer Ausstatterin Annette Mahlendorf auf der Bühne um? Vermutlich werden wir wohl eher nicht Pump- und Strumpfhosen sehen.

Buser: Mir ist die Zeitlosigkeit der Geschichte wichtig – mit Sicherheit gibt es in jeder Zeit und jeder Gesellschaft solch tragisch Liebende. Daher haben wir uns für Kostüme, die sich grundsätzlich am Heute orientieren, entschieden. Zur Unterscheidung der beiden Clans liegt den Kostümen ein Farbkonzept zugrunde: Die Capulets in Rottönen, die Montagues in Blautönen.

Das Bühnenbild wird relativ dunkel gehalten – in Grau-Schwarz und funktioniert über Hell- und Dunkel-Räume, da es in „Romeo und Julia“ immer wieder um ein Innen und Außen geht und das Sich-Abschirmen von der Gesellschaft. Dazu haben wir ein Element, das als Straße und Balkon dient, und Plafonds, mithilfe derer verschiedene Räume entstehen. Die Bühne soll sich ständig dynamisch verändern, so wie die Tragödie voranschreitet.


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