Mord auf Schloss Haversham

heiterkeit, die geplant sein will

Regisseur Ralf Hocke und Ausstatterin Annette Mahlendorf im Gespräch mit Thomas Schindler

Schindler: Eines der schwierigsten Stücke, die man machen kann ...

Hocke: Nicht eines der schwierigsten, das schwierigste Stück. Nicht was die Geschichte anbelangt, die da erzählt wird, die ist ja gut überschaubar. Aber die Umsetzung auf der Bühne ist ungeheuer knifflig. Denn recht betrachtet sind es drei Geschichten oder Handlungsebenen, die man immer gleichzeitig zu bearbeiten hat. Die erste Ebene ist der Krimi, also das Stück, das die Amateur-Theatertruppe auf die Bühne bringt. Das ist so eine richtige englische Kriminalhandlung mit Mord und der Suche nach dem Mörder in einer abgeschlossenen Gruppe von Menschen. Selbstverständlich ist auch ein Gärtner involviert. Die zweite Ebene sind die Misslichkeiten, die einer Amateur-Theatertruppe in einer Vorstellung passieren können: Texthänger, Requisiten, die nicht aufzufinden sind, Schauspieler, die ihren Auftritt verpassen, ein alles andere als stabiles Bühnenbild. Also die Fehler, die passieren, wenn die Begeisterung für das Theaterspielen größer als das Können ist. Und die dritte Ebene ist: wie gehen diese Laien mit Fehlern und unvorhergesehenen Zwischenfällen um. Ein professioneller Schauspieler verhält sich da natürlich anders als ein Laie, der verlässt dann meistens die Rolle und fällt in sein privates Verhalten zurück. Für den Regisseur bedeutet das, dass er eigentlich drei Stücke inszeniert, die aber zeitgleich ablaufen.

Schindler: Mir fällt spontan kein anderes Stück ein, in dem eine Laienspielschar ein Stück zur Aufführung bringt.

Hocke: Die Aufgabe für die Schauspieler heißt: Ich spiele eine Figur, die eine Figur spielt. Deshalb habe ich für jede Figur eine kleine Biografie erfunden, als Arbeitsmaterial, als Ausgangspunkt für die Figurenfindung.

Schindler: Und trotz des Chaos auf der Bühne darf es nie chaotisch werden, sonst verliert der Zuschauer den Überblick.

Hocke: Genau, jeder Blick muss gesetzt werden, jede Pointe braucht ihr Timing, wann spielen wir eine Pause, wie lange dauert die Pause, mit welcher Intensität gehe ich weiter, ziehe ich die Stimme an, was lasse ich fallen ... Das erfordert höchste Konzentration und perfektes Zusammenspiel.

Schindler: Für alle Schauspieler ist das eine Zirkusnummer auf dem Hochseil.

Hocke: Ich muss den Kollegen ein Riesen-Kompliment machen. Am Schluss, in der Vorstellung muss alles ganz leicht und wie selbstverständlich wirken. Die notwendige Konzentration und Präzision auch bei der fünfzigsten Wiederholung machen die Proben durchaus anstrengend. Trotzdem verliert keiner die gute Laune.

Schindler: Ihr habt euch die Aufführung in London angesehen.

Hocke: Ja, auf einer relativ kleinen Bühne, die Zuschauer ganz dicht am Geschehen. Das war eine besondere Atmosphäre für jemanden, der an das deutsche Theater gewöhnt ist. Die drei Autoren spielten mit, das sind ja gelernte Schauspieler. Insoweit hatte man einen authentischen Eindruck von den Absichten der Autoren. Was für mich hinzukam: Ich hatte enormen Respekt vor dem Stück, als ich es zum ersten Mal gelesen habe, während der Aufführung beruhigte ich mich, denn ich sah, wie die englischen Kollegen die Klippen meisterten. Und jetzt, in der Arbeit merkt man wieder, wie toll die englischen Schauspieler das Stück umgesetzt haben. Mit großer Leichtigkeit. Dann wächst der Respekt wieder.

Schindler: Die spielen das ja auch schon ein paar Jahre. Das ist seit zwei Jahren der absolute Kassenschlager im Londoner West End.

Hocke: Ja, die haben die Vorstellung auch mehrfach überarbeitet, das sieht man, wenn man Fotos aus unterschiedlichen Zeiten vergleicht. Zum Beispiel: Plötzlich taucht ein schwarzer, glänzender Bühnenboden auf, den es früher nicht gab. Ein Material, wie wir es als Ballettboden einsetzen. Heute weiß ich warum. Auf diesem Material können Personen mühelos und elegant hin und her geschleift werden, wie das in den Regieanweisungen mehrfach gefordert ist. Das sind Erfahrungen, die man erst in der konkreten Arbeit am Stück macht. Das kann man auch durch die intensivste und detaillierteste Vorbereitung nicht alles im Vorhinein berechnen.

Schindler: Im Vorhinein berechnen, ist für mich das Stichwort. Annette, dieses Stück ist, was die bühnentechnischen Anforderungen betrifft das schwierigste der gesamten Spielzeit. Das Bühnenbild muss wahnsinnig viel können.

Mahlendorf: Ja, es ist das komplizierteste Stück, das ich je gemacht habe, und ich mache den Beruf ja nun auch schon seit Jahren. Wir hatten Vorbesprechungen über Vorbesprechungen. Jede Wand wurde ausführlichst geplant, verworfen, neu geplant, verändert, bis man dann zu einem guten Ergebnis kommt. Es gibt technische Vorgänge, die müssen auf den Zentimeter genau geplant sein. Fenstersimse müssen eine bestimmte Höhe haben, damit die Schauspieler sie gut überwinden können. Anderes darf nicht zu hoch sein, damit sich Schauspieler noch abfangen können. Das ist Zentimeterarbeit, aber nicht an einer Stelle, sondern an geschätzt sechzig Stellen.

Schindler: Da hat es eine englische Truppe leichter, denn dort wird ein Bühnenbild ein Mal aufgebaut, dann wird eine - wenn Gott und die Zuschauer wollen - lange Serie gespielt und dann wird es wieder abgebaut. Bei uns steht heute „Mord auf Schloss Haversham“ und morgen „Carmen“ auf dem Spielplan.

Mahlendorf: Ja, wir mussten aus diesem Grund einige Vorgänge anders verwirklichen als London.

Hocke: Nicht zu vergessen: Unsere arbeitsrechtlichen Schutzbestimmungen sind anders, viel schärfer als in England.

Mahlendorf: Trotzdem war es sinnvoll, die Londoner Aufführung gesehen zu haben. Zum Beispiel: Ich habe mir einen Kopf gemacht, weil in den Regieanweisungen ein Fahrstuhl gefordert ist. In London war der Fahrstuhl ein relativ simples fake, das aber einen eigenen Charme entwickelt.

Hocke: Und den Charakter einer Laien-Aufführung unterstützt, deren technische Möglichkeiten ja auch begrenzt sind.

Mahlendorf: Was auch in den Kostümen zum Tragen kommt. Very british, und ein bisschen dem Laien-Theater angenähert. Nicht: Was ist richtig für die Rolle?, sondern: Was steht mir?

Schindler: Bei der Inszenierung könnte man das Scheitern in den Mittelpunkt stellen. Dann entwickelt der Zuschauer Mitleid mit den Figuren. Oder man feiert die Theaterbegeisterung der Laien. Wie hast du dich entschieden?

Hocke: Für mich war die Not des Einzelnen, aus einer Krisensituation irgendwie herauszukommen, das Entscheidende. Die Not des Anderen sorgt ja auch im wirklichen Leben bei den Nicht-Betroffenen regelmäßig für Heiterkeit.


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