Die Grossherzogin von Gerolstein

ZWISCHEN KARNEVAL UND LORIOT

Regisseur Ansgar Weigner im Gespräch

Schindler: Jacques Offenbach dekretierte, das Publikum liebe die heitere Kunst. Liebt auch Ansgar Weigner die heitere Kunst?

Weigner: Ja, tut er. Das erste Stück, das ich auf die Bühne brachte, war „Das weiße Rössl“. Da musste ich gleich in die Vollen greifen. Und da habe ich auch gelernt, dass das Wichtigste bei Operetten das Timing und die Dialoge sind. Die Musik hat ihr eigenes Tempo, darauf habe ich als Regisseur kaum Einfluss. Das Schwierige ist, die Dialoge ins richtige Verhältnis zur vorausgehenden oder folgenden Musik zu bekommen. Der Inhalt der meisten Operetten ist ja nicht so tragfähig, dass man sich einen ganzen Abend davon ernähren könnte, da braucht’s trotzdem oder gerade deswegen.

Schindler: Was macht Ihnen Spaß an der Operette?

Weigner: Man hat mehr Freiheit im Umgang mit Musik und Text. Welche Übersetzung? Häufig gibt es verschiedene Dialogfassungen. Fummelt man selbst eine? In „La Traviata“ dürfen Sie nichts verändern. Operette hat immer mit musikalischen Einlagen gearbeitet. Freiheit macht Spaß.

Schindler: Viele Autoren, die über Offenbach nachgedacht haben, betonen die Zeitkritik, in den Offenbachschen Operetten. Sehen Sie das auch?

Weigner: Man kann sicher heute auch mit der „Gerolstein“ Kritik am Militärischen üben, aber ich fürchte, man wird dann der Komik entbehren.

Schindler: General Bumm in der Maske von Donald Trump...

Weigner: Ich glaube, die Übertragbarkeit ist immer gegeben, und der kommt das Publikum auch nach. Und ich habe bei direkten Aktualisierungen das Gefühl, dass die Phantasie beschnitten wird. Außerdem, so neu ist das auch nicht. Das Stück funktioniert in den Grundstrukturen auch heute, man braucht eine Eins-zu-eins-Übertragung einfach nicht.

Schindler: Als Kölner stehen Sie in der gleichen Humor-Tradition wie der Kölner Offenbach, selten für einen Musikwissenschaftler.

Weigner: Ich komm ja mehr aus Aachen, aus Stolberg um genau zu sein. Über Humor kann man immer streiten: Was ich witzig finde, müssen Sie lange nicht komisch finden. Der eine findet es etwas platt, der andere bekringelt sich und geht drei Mal rein. Wenn jemand auf der Bühne stirbt, ist die Meinung meistens einheitlich: „Das ist tragisch.“, „Das geht uns aber zu Herzen.“ Es kommt noch etwas hinzu: Witz, Komik haben etwas mit Timing zu tun. Der Regisseur kann das anlegen, aber letztlich ist der Umgang mit Texten, dass sie witzig werden, nur bedingt lernbar. Und, ganz wichtig: Sie sind in der Hand des Dirigenten. Er bestimmt das Timing des gespielten Witzes auf der Bühne. Es spielt vieles zusammen!

Schindler: Offenbach ist einer der wenigen Figuren aus dem Genre Operette, die als Komponisten ernst genommen werden.

Weigner: Als Komponist sicherlich, aber wie steht es mit den Texten? Viele dieser Stücke stecken in Systemen, die überlebt sind. Nehmen Sie „Gerolstein“ oder „Vogelhändler“, die sind beide im Absolutismus verwurzelt, damit sind sie außerhalb unseres Erfahrungsbereichs. Das verändert vieles. Das kann man nicht auf das Kanzleramt übertragen. Frau Merkel ist keine Großfürstin, wie wir ja gerade erleben. Es stellt sich also die Frage: Wie kann man diese Stücke für uns Heutige verstehbar machen?

Schindler: Daher haben Sie eine Rahmenhandlung erfunden?

Weigner: Richtig. Die kleine Antonia hat ein Grundproblem im elterlichen Haus. Die Mutter ist verstorben. Der Vater hat eine neue Partnerin, mit der sie sich nicht versteht. Und das Kind sehnt sich nach dem alten Zustand.

Schindler: Sie haben also den Figuren des Stücks eine zweite Persönlichkeit aus der Erfahrungswelt des Kindes hinzugedichtet.

Weigner: Genau, die Großfürstin ist die verstorbene Mutter. Vater ist Fritz, und die neue Partnerin ist Wanda. Ich habe mich da musikgeschichtlich ein wenig an den Antonia-Akt von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ angelehnt. Damit wird unser ganzes Stück zu einer Traumsequenz des kleinen Mädchens Antonia. Durch die Hinzufügung dieser zweiten Ebene haben wir versucht, das Stück aus der ausschließlichen Absolutismus- und Militär-Persiflage wegzubekommen und gegenwärtiger zu machen. Klingt jetzt furchtbar pädagogisch, trotzdem mag ich, wenn das Lustige eine ernsthafte Grundierung hat.

Schindler: Nur weil man lachen kann, muss es ja nicht blöde sein.

Weigner: Das ist dann oft eine Geschmackssache. Ich mag hintergründigen Humor. Ist der Witz durchgängig flach, sprechen die Leute schnell von Klamauk. Die Übergänge sind leider Gottes fließend und obliegen der subjektiven Wahrnehmung. Ich mag beides: hintergründigen Humor und Klamauk.

Schindler: Also eine Aufführung zwischen Karneval und Loriot.

Weigner: Das wäre schön, wenn wir das hinbekommen.

Schindler: Wenn man eine solche Lesart entwickelt, hat das große Auswirkungen, zum Beispiel auf das Bühnenbild.

Weigner: Ja, wir befinden uns im Kinderzimmer von Antonia. Es ist die ins Überdimensionale vergrößerte Zimmerecke mit vielen Spielsachen, die dann natürlich in der Handlung benützt werden. Es ist ein Einheitsraum, den wir trotzdem im Rahmen kindlicher Logik verändern. Ein Beispiel: Aus dem Original-Festzelt wird ein Spielzeug-Indianer-Tipi.

Schindler: Ich danke Ihnen für das unterhaltsame Gespräch.

Regisseur Ansgar Weigner

Regisseur Ansgar Weigner


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