Der Vorname

INTELLIGENTE UNTERHALTUNG

Regisseur Kristoffer Keudel im Gespräch

Schindler: Es handelt sich um eine Komödie. Worum geht es?

Keudel: Die Grundkonstellation ist: Fünf Menschen, die sich schon sehr lange kennen. Das Ehepaar Pierre und Elisabeth - er Literaturprofessor, sie Lehrerin - haben zum Abendessen eingeladen. Es kommen Elisabeths Jugendfreund Claude, ein Posaunist beim französischen Radiosinfonieorchester, und Elisabeths Bruder, ein Immobilienmakler, und seine schwangere Lebensgefährtin Anna, die im Modebusiness ist und sich ein wenig verspätet. Es kommt zu einem Streit, denn Vincent kommt auf die glorreiche Idee, die Anwesenden den Vornamen des ungeborenen Sohns raten zu lassen: Adolphe. Pierre, der es als Literaturwissenschaftler mit Worten sehr genau nimmt, fühlt sich sofort an einen anderen Namen erinnert, nämlich Adolf Hitler. Damit geht der Streit los. Vincent beharrt darauf, dass keineswegs Hitler gemeint sei, man hätte den Namen von der männlichen Hauptfigur eines französischen Romans. Beide Herren stürzen sich streitlustig und leidenschaftlich in die Diskussion. Das ist aber nur der Auftakt. Es folgen weitere Abrechnungen, die man bisher verschwiegen hat.

Schindler: Ein Abend im Streit, und darüber sollen wir lachen?

Keudel: Es ist in der Wirkung eine Komödie, kein Klamauk. Mit anderen Worten: außerordentlich intelligente Unterhaltung. Es geht um wichtige Dinge, das ist so bei einer guten Komödie. Das Prinzip ist: Je ernster sich die Figuren nehmen, desto lustiger ist es für die Zuschauer. Man findet ja fast nichts so unterhaltend wie fremde Ehekräche. Dass man sich im Falle des Falles ähnlich verhält, steht auf einem anderen Blatt. Zitat aus dem besagten Roman: Man ist so gerecht, wenn man unbeteiligt ist.

Schindler: Es ist ein verdammt gut gebautes Stück. Das ist - schon bei der ersten Lektüre - allerhöchstes Niveau.

Keudel: Obwohl die Figuren sehr natürlich miteinander sprechen, ist es kein Geplapper. Das ist alles genau komponiert. Ein extrem guter Theatertext. Die Übergänge der einzelnen Konflikte sind raffiniert gebaut. Das ist nicht einfach aus der Hüfte geschossen, sondern immer gut vorbereitet. Ein Beispiel: Elisabeth sieht, wie sich ihr Mann in eine moralisch überlegene Position hineinredet. Das nimmt sie zum Anlass, um ihm endlich zu sagen, wie er sich ihr gegenüber verhält, oder wie sie zumindest sein Verhalten wahrnimmt. Das ist brillant und verlangt von den Spielern höchste Konzentration, denn nichts darf einfach so weggequasselt werden.

Schindler: Pierre, was ist das für ein Mensch?

Keudel: Pierre ist ein Mann des Wortes, seine Berufskrankheit. Das macht ihn durchaus anstrengend für die anderen. Seine Kinder heißen Adonas und Athena, der Bezug zum klassischen Altertum ist offensichtlich. Da liegt die Vermutung nahe, dass das Ehepaar Bildungsbürger sind. Pierre will schon etwas Besonderes sein, auch in moralischer Hinsicht. Umso mehr haut Elisabeths große Abrechnung am Ende des Stücks rein. Eigenwahrnehmung und Fremdbild klaffen bei ihm sehr auseinander. Elisabeth hat sich in dieser Ehe zurückgenommen. Sie hat auf die wissenschaftliche Karriere verzichtet, kümmert sich um die Kinder und schmeißt den Haushalt.

Schindler: Dann betritt Claude die Bühne.

Keudel: Ein zurückhaltender, ausgleichender, sympathischer guter Zuhörer, in dem Elisabeth immer einen Freund hatte. Dem sie alles anvertrauen konnte, und von dem sie denkt, auch er habe ihr gegenüber die gleiche Offenheit. Dass er sich ernsthaft überlegt, Paris zu verlassen und zu einem Orchester in Marseille zu gehen, ist für Elisabeth vollkommen unverständlich. Aus der Sicht einer Pariserin ist Marseille tiefe Provinz. Aber Claude hat ein Geheimnis. Alle Figuren werden in dem Stück an einen Punkt gebracht, an dem sie etwas preisgeben, was sie gar nicht wollten. Die Vorzüge, die sich jeder einzelne zuschreibt werden relativiert. Dieser Abend verändert alles.

Schindler: Bleibt das zweite Paar.

Keudel: Vincent ist ein großer Provokateur und Entertainer, der überhaupt nicht merkt, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Und er hat genügend Intelligenz, um sein Verhalten zu rechtfertigen. Man weiß eigentlich nie, ob es ihm um die Sache geht oder ob er sich nur als brillanter Rhetoriker inszenieren möchte. Zwischen Pierre und Vincent scheint immer ein Spiel zu laufen: Wer von uns beiden ist der Bessere, Intelligentere. Claude durchschaut das, und Anna verweigert sich dem.

Schindler: Bei Vincent kommt hinzu, dass er außerordentlich erfolgreich ist. Der Typ ist schlicht reich.

Keudel: Ich frage mich immer wieder, sind Pierre und Vincent wirklich Freunde oder sind sie halt einfach familiär verbunden. Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht. Aber am Ende gilt: Es ist auch ein Abend über Freundschaft, in der man sich Fehler erlauben kann, und die Freundschaft hält das aus. Zu Anna: eine junge erfolgreiche Frau. Und für Elisabeth ein Reibepunkt, denn sie scheint Familie und Karriere unter einen Hut zu kriegen, jedenfalls im Moment noch. Anna ist eine sehr klare Persönlichkeit, sie hat klare Regeln und setzt sie durch.

Schindler: Das erstaunliche ist, dass dieses intelligente, wirkungsstarke Stück, die erste Arbeit der beiden Autoren für das Theater ist. Die Ausstatterin Imme Kachel und Du haben den Ort gegenüber der Vorlage verändert.

Keudel: Das Stück spielt in Frankreich, in Paris, in einer Wohnung - bei uns spielt es in Frankreich, in Paris, auf einer Dachterasse. Also, draußen statt drinnen. Uns schien ein Stadtpanorama mit dem Blick über Paris auf den Eifelturm für einen geplanten schönen Abend mit einem schönen Essen die noch schönere Atmosphäre. Und damit die größere Fallhöhe. Es ist der extravagantere Ort. Und ein Raum, der von Geländern umgeben ist, erlaubt dem Zuschauer eine Assoziation an einen Boxring. Und so wie in Paris einst durch Kahlschlag neue Strukturen erstellt wurden, so wird in unserem Stück Klarheit in den persönlichen Beziehungen erzwungen.

 

 

Regisseur Kristoffer Keudel

Regisseur Kristoffer Keudel


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